Bundeskriminalamt (BKA)

All­ge­mei­ne Ta­tort­ar­beit im Bundes­kriminal­amt

Historische Entwicklung

Die Tatortgruppe des Bundeskriminalamtes wurde in den siebziger Jahren als Reaktion auf die Häufung terroristischer Anschläge gegründet. Heute überwiegen Einsätze in den Bereichen Rauschgift, Waffen, Falschgeld und Kapitaldelikte.

Das erste Jahrzehnt der Tatortgruppe war geprägt von Tatortaufnahmen nach Anschlägen der Roten Armee Fraktion (RAF) sowie der Bearbeitung aufgefundener sogenannter konspirativer Wohnungen und RAF-Depots. Dabei mussten erstmals gewaltige Mengen zu untersuchender Spurenträger von der Tatortgruppe bewältigt werden. Heute übliche Verfahren wie die Cyanacrylatbedampfung oder das Ninhydrin-Tauchbad waren Neuland. Die ersten Bedampfungen von Spurenträgern im Hochvakuum nach terroristischen Anschlägen wurden von den Sachbearbeitern in den Niederlanden und in Großbritannien durchgeführt. Kennzeichnend für die damalige Entwicklungsphase der Tatortgruppe waren neben einem bis dahin nicht gekannten akribischen Vorgehen bei Spurensuche, Dokumentation und Asservierung ein ständiges Streben nach Perfektion, um den zu erwartenden hohen Anforderungen in den Hauptverhandlungen der Prozesse gerecht zu werden.

Diese Erfahrungen prägen bis heute das methodische Vorgehen der Tatortgruppe.

Auch das zweite Jahrzehnt des Bestehens der Tatortgruppe war bestimmt von Einsätzen im Bereich des Linksterrorismus. Insbesondere rückte die Bearbeitung von PIRA-Anschlägen in den Vordergrund. Sukzessive traten immer weitere Deliktsbereiche hinzu. Rauschgiftgroßsicherstellungen stiegen deutlich an. Illegale Drogenlabore stellten eine neue Herausforderung für die Tatortgruppe dar. Hinzu kamen Falschgelddruckereien, Waffensicherstellungen, Einsätze in der Wirtschaftskriminalität und im OK-Bereich.

Parallel zu den originären Zuständigkeiten unterstützt die Tatortgruppe Länderdienststellen sowohl bei Kapitaldelikten vor Ort als auch bei der Untersuchung übersandter problematischer Spurenträger in die Laboratorien des BKA.

Die Tatortgruppe ist an ihren Aufgabenstellungen durch die zunehmende Bedeutung der Wertigkeit von Sachbeweisen und das breite Spektrum an immer neuen Verfahren mit erweiterten Möglichkeiten ständig gewachsen und hat einen hohen Entwicklungsstand erreicht, der auch kritische Phasen und Rückschläge zu überwinden half.

Besonderen Raum nimmt aktuell die Tatortarbeit bei Rauschgiftdelikten ein. Die Tatortgruppe ist spezialisiert auf das Finden von Drogenverstecken in Kraftfahrzeugen bei bauartbedingten oder nachträglich geschaffenen Hohlräumen. In diesem Bereich erfolgt eine sehr häufige Unterstützung der Länderdienststellen. Eingesetzt werden Spiegel, treibstofffeste Endoskope, Handröntgengeräte und Schichtdickenmessgeräte. Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten ist der ständige Kontakt mit Herstellern und die Kenntnis neuer Modelle. Oft kann nur genaues Nachmessen erkennen lassen, ob eine serienmäßig vorhandene Abdeckung minimal versetzt wurde. Reifen können mit einem Röntgengerät durchleuchtet werden.

Hochwertige Technik allein ist keine Garantie für den Erfolg der Ermittlungen. Ergebnisse müssen dem Gericht nachvollziehbar präsentiert werden. Deswegen wird besonderer Wert auf eine akribische Asservierung gelegt. Sind im Asservierungsverfahren Verwechslungen auch nur denkbar, so macht sich dies im Gerichtsverfahren negativ bemerkbar.

Neben der Asservierung wird eine umfassende Dokumentation des vorgefundenen Zustandes durch die Tatortgruppe vorgenommen.

Da die Tatortgruppe sich zu einer multifunktionalen Servicedienststelle entwickelt hat, ist in vielen Bereichen auch innerhalb des Referates eine Spezialisierung notwendig geworden. So werden in Arbeitsgruppen themenbezogene Schwerpunkte der wichtigsten Tätigkeiten aufgearbeitet, perfektioniert und regelmäßig in Versuchsreihen weiterentwickelt.

Aufgaben

Tätigkeiten sind u. a. die Bearbeitung von Tatorten in Mordsachen oder Fällen terroristischer Gewaltkriminalität und die Unterstützung bei polizeilichen Maßnahmen mit besonderen Fachkenntnissen wie z. B.

  • Spurensuche, Dokumentation, komplexe Asservierung oder die Anwendung von Spezialgeräten (z. B. Metalldetektoren)
  • Suche und Sicherung von daktyloskopischen Spuren an Asservaten im Labor
  • Untersuchung von Kraftfahrzeugen nach Rauschgift u. ä.
  • Durchführung verdeckter Maßnahmen (z. B. Postkontrolle)
  • Koordinierung der Asservatenbearbeitung in komplexen Fällen

Die Tatortgruppe versteht sich als Servicedienststelle für Zoll und Polizei aus Bund und Ländern. Unter bestimmten Bedingungen kann die Tatortgruppe des BKA auch für ausländische Dienststellen tätig werden.

Ausblicke und Ziele

Zu den aktuellen Herausforderungen der Tatortgruppe zählen die heutigen Auswertemöglichkeiten von DNA-analysefähigen Körpersubstanzen und die damit einhergehende Notwendigkeit des Umgangs mit Trugspuren und Kontaminationsgefahren sowie die Weiterentwicklung und Optimierung der Verfahren zur Sicherung daktyloskopischer Spuren.

Darüber hinaus ist die Tatortgruppe aufgrund europäischer Vorgaben, aber auch in fachlichem Eigeninteresse damit befasst, ein formales Qualitätsmanagementsystem zu installieren.

Sind die Grenzen der technischen Möglichkeiten der Tatortgruppe erreicht, können für spezielle Einsatzlagen jederzeit Ansprechpartner z. B. für die Bereiche des Bodenradars (Absuche nach Hohlräumen im Boden / in Wänden), der Thermografie oder Infrarottechnik vermittelt werden.

In jüngster Zeit wurde die Tatortgruppe des BKA mehrfach gebeten, bei schwierigen Tatorten nach sexuell motivierten Morden an Kindern zu unterstützen. Die bei solchen Taten im Rahmen der Ermittlungen regelmäßig vorgenommene Tatortanalyse und Täterprofilerstellung führte zu einem neuen Verständnis des subjektiven Tatbefundes. Neben der üblichen Tatortarbeit, der klassischen Spurensicherung, kommt dem subjektiven Tatbefund, der "mittelbare" oder "Situationsspuren" beschreibt, besondere Bedeutung zu. Tatortarbeit ist nicht mehr nur aus dem naturwissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten. Besonderes Gewicht erhalten psychologische, soziologische und kriminologische Faktoren.

In Anbetracht der Tatsache, dass durch den technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt der Sachbeweis weiterhin größere Bedeutung erlangt und fachspezifische Aufgabenfelder der Kriminalitätsbekämpfung stetig wachsen, gilt es, den Anforderungen mit entsprechender Personal- und Sachausstattung sowie durch Fachwissen und Kompetenz gerecht zu werden.

Sehr dienlich erweist sich der in besonderem Maße geförderte Austausch an Erfahrungswissen in Form gegenseitiger Hospitationen bei Tagungen, Seminaren und in gemeinsamen Projekten auf nationaler und internationaler Ebene.

Die von der Tatortgruppe angeregten Forschungsprojekte in der Industrie, an den Universitäten, aber auch im BKA selbst, lassen hoffen, dass künftig noch effektivere Spurensicherungsmittel und Methoden entwickelt werden, die bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

So geht es nach der Tatortarbeit weiter

Zur Arbeit der Kriminaltechnik