Bundeskriminalamt (BKA)

Klei­ne His­to­rie der Dak­ty­lo­sko­pie

Vor 100 Jahren wurde die Daktyloskopie, die Personenidentifizierung mittels der Fingerabdrücke, in Deutschland eingeführt. Pro Jahr werden heute mit Hilfe des zentral beim Bundeskriminalamt (BKA) angesiedelten Automatisierten Fingerabdruck-Identifizierungs-Systems (AFIS) mehr als 24.000 Spurenverursacher - und somit potenzielle Straftäter - vom BKA und den Landeskriminalämtern identifiziert. Fingerabdrücke entstehen durch die Abbildung der Muster der Papillarleisten der Haut an den Händen und sind aus der Tataufklärung nicht mehr wegzudenken. Bis es vor 100 Jahren zur Einführung der systematischen Fingerabdrucknahme in der kriminalistischen Arbeit kam, hatte die Daktyloskopie bereits eine lange und interessante Geschichte hinter sich.

Zeige mir deine Finger und ich sage dir, wer du bist

Der Begriff Daktyloskopie stammt aus dem Griechischen: "Daktylos" bedeutet Finger und "skopein" schauen: Daktyloskopie heißt also "Fingerschau". Sie ist heute eine von Wissenschaft und Rechtssprechung anerkannte Personenidentifizierungsmethode, die sich mit der Aufnahme und Auswertung der Abbilder der menschlichen Leistenhaut zum Zwecke der Identifizierung sowie der Feststellung von Spurenverursachern befasst. Der Grundgedanke dabei: Das Hautleistenbild eines jeden Menschen ist einmalig und unveränderlich.

Vorläufer der Daktyloskopie

Erste Zeugnisse, dass der Mensch sich der Bedeutung der Hautleistenbilder bewusst war, stammen aus vorchristlicher Zeit, etwa 3.000 v. Chr. In Nordamerika, am Kejimkoojik-See, fand man im Gebiet der Micmac-Indianer Steinzeichnungen. Diese Petroglyphen sind Zeichnungen von Handflächen mit vereinfacht dargestellten Papillarlinienmustern in den Fingerkuppen sowie Abbildungen von Linien und Handflächen. Die Micmac-Indianer beobachteten bereits, was bei anatomischen Zeichnungen bis in die jüngsten Jahrhunderte wenig Beachtung fand.

Die Assyrer und Babylonier versahen um 2200 v. Chr. ihre Tontafeln, die als Urkunden dienten, außer mit dem Namen des Schreibers zusätzlich mit einem Fingernagelabdruck, einem Supurs. Bei diesen Spuren kamen auch die Papillarleisten der Fingerspitzen mit zum Abdruck. Sie waren dadurch geeignet, den Urkundenaussteller zu identifizieren.

Ebenfalls aus vorchristlicher Zeit stammen chinesische Tonsiegel, die auf einer Seite mit einem Stempelbild versehen sind und auf der anderen Seite einen gut ausgeprägten Fingerabdruck aufweisen. Sie dienten der Legitimation des rechtmäßigen Siegeleigentümers. Der chinesische Schriftsteller Shi nai-ngan veröffentlichte um 1160 einen 40-bändigen Abenteuer- und Kriminalroman mit dem Titel "Die Geschichte des Flussufers". In einem dieser Bände beschreibt er den Identifizierungswert der Fingerabdrücke, die zu dieser Zeit schon im Strafprozess anerkannt gewesen sein müssen. Der Autor schreibt im Zusammenhang mit der Festnahme zweier Mörderinnen: "Rief die beiden Weiber zu sich heran und ließ sie ihre Finger einschwärzen und abdrücken".

Europa lässt sich Zeit mit den "Fingerprints"

In Europa wurde man sich der Bedeutung der Papillarleisten erst viel später bewusst als in Asien. Im Jahre 1686 veröffentlicht Marcellus Malphigius, ein Arzt aus Bologna, als erster Europäer eine Schrift zum Thema Furchen und Muster der Handflächen. Titel: "Über das äußere Gefühlsorgan". Eine medizinische Abhandlung über "verschiedenspiralige" Linien, die die Haut der Hand und des Fußes durchfurchen, veröffentlichte Christian Jacob Hintze im Jahre 1747.
Johann Evangelista Purkinje, ein gebürtiger Tscheche, war der Erste, der versuchte, die verschiedenen Papillarlinienmuster zu klassifizieren. Der Professor der Physiologie und Pathologie in Breslau stellte im Jahre 1823 neun Grundmustertypen auf und schuf damit die Basis der heutigen Klassifiziermethode. Purkinje fertigte Zeichnungen der einzelnen Papillarmuster, hatte also noch kein Interesse an der Fingerabdrucknahme.
Einen entscheidenden Schritt für die Personenidentifizierung durch den Fingerabdruck leistete Hermann Welker. Der deutsche Anthropologe befasste sich 1856 mit der Unveränderlichkeit der Haut- oder Papillarleisten. Er fertigte Abdrücke seiner eingefärbten Hände und wiederholte die Prozedur 41 Jahre später. Und: Er stellte fest, dass das Papillarlinienbild - mit Ausnahme der altersbedingten Falten und Furchen - im Laufe seines Lebens unverändert geblieben war. Welker erbrachte so den empirischen Beweis der Unveränderlichkeit. An eine kriminalistische Verwertung dachte er indes auch noch nicht.

Daktyloskopie für polizeiliche Zwecke, um Geld zu sparen

Es war 1858 der englische Chief Officer William J. Herschel in Indien, der versuchte, die Fingerabdrücke für polizeiliche Zwecke zu nutzen. Zunächst, um Identitätsschwindeleien bei der Auszahlung von Pensionen zu verhüten. Jeder pensionsberechtigte Inder wurde daktyloskopiert und sein Abdruck amtlich registriert. Bei jeder Pensionsauszahlung musste der Empfänger mit Fingerabdruck quittieren, um die Identität zu beweisen. Später führte Herschel dieses Abdruckverfahren auch im Gefängnis seines Distriktes ein. Er sammelte über Jahre Tausende von Fingerabdrücken. 1860 nahm Herschel auch Abdrücke seines Zeige- und Mittelfingers und kontrollierte diese 1888, also 28 Jahre später. Anhand des gesammelten Materials erbrachte er den wissenschaftlichen Nachweis, dass Papillarleistenbilder im Laufe eines Menschenlebens unverändert bleiben. Sein Vorschlag zur offiziellen Einführung der Daktyloskopie in Bengalen/Indien wurde 1877 trotzdem abgelehnt.

Die Ursprünge der Tatortdaktyloskopie

1880 machte - unabhängig von Herschels Versuchen - der Engländer Henry Faulds Studien über Fingerabdrücke. Der praktizierende Arzt in Tokyo war durch Fingereindruckspuren auf prähistorischen Tonwaren auf das Thema aufmerksam geworden. Er wies auf die Möglichkeit hin, Täter durch ihre unbewusst am Tatort hinterlassenen Fingerabdrücke überführen zu können und verfasste eine Anleitung zur Aufnahme von Fingerabdrücken, wobei er die Zehnfingerdaktyloskopie vorschlug. Als Übertragungsmedium für die Abdrucknahme empfahl er Druckerschwärze. Später stritten Herschel und Faulds darum, wer zuerst die Idee der Daktyloskopierung von Straftätern hatte.

Geistesblitz im Schlachthof:
In Berlin schlug im Jahre 1888 der Tierarzt Wilhelm Eber der preußischen Regierung die Einführung der Tatortdaktyloskopie vor. Anhand blutiger Fingerspuren, die Schlächter und Tierärzte im Schlachthof auf Handtüchern sowie Geschäftsbüchern hinterließen, erkannte er die Individualität der Papillarlinienbilder. So wurde die Idee geboren, mittels Hand- oder Fingerabdrücken Verbrecher zu überführen. Eber entwickelte daraufhin ein System, Fingerabdrücke mit Jod sichtbar und haltbar zu machen.

Anthropometrie zunächst bevorzugt

Der Durchbruch der angewandten Daktyloskopie verzögerte sich weiter, als 1888 von dem Franzosen Alphonse Bertillon, einem Hilfsschreiber der Pariser Polizeipräfektur, die Anthropometrie - die Körpervermessung - als Mittel der Personenidentifizierung in Frankreich eingeführt wurde. Sein Verfahren, die "Bertillonage", basierte auf der Theorie des Kriminalstatistikers Quetelet. Er ging davon aus, dass die Knochenmaße eines Menschen einmalig und ab dem 21. Lebensjahr unveränderlich sind. Dieses Messverfahren umfasste insgesamt elf verschiedene Messungen, darunter Körpergröße, Armspannweite, Sitzhöhe,
Kopflänge und -breite, Jochbeinbreite, Länge des rechten Ohres und des linken Fußes sowie die Länge des linken kleinen Fingers. Viele Staaten übernahmen das Bertillonsche System. Ebenfalls 1888 erhielt in London der Anthropologe Francis Galton den Auftrag, einen Vortrag über das Bertillonsche Messverfahren zu halten. Er sammelte dazu auch Material über andere Identifizierungsmethoden und lernte auf diesem Wege William Herschel kennen. Galton beschäftigte sich fortan ebenfalls mit der Erforschung der Fingerabdrücke und wandte sich den drei Hauptfragen zu: Nach der Unveränderlichkeit, der Einmaligkeit sowie der Möglichkeit der Klassifizierbarkeit von Fingerabdrücken.
Sein Ergebnis: Die Papillarlinien bleiben während des ganzen Lebens konstant; die Variabilität der Muster ist so groß, dass die Unterscheidung Tausender von Personen möglich ist; die Fingerabdrücke lassen sich so in ein Klassifizierungssystem einordnen, dass der Experte, dem neue Abdrücke vorgelegt werden, feststellen kann, ob er die Fingerabdrücke derselben Person bereits früher registriert hat.
1892 veröffentlichte er diese Ergebnisse in seinem Buch "Fingerprints". Galton schuf damit die ersten brauchbaren Grundlagen der modernen Fingerabdruck-Klassifizierung. Daraufhin wurde ab 1895 in England sowohl gemessen als auch daktyloskopiert.

Die Daktyloskopie auf dem Vormarsch

Bereits 1892 wurde in Argentinien der erste Mordfall mit Hilfe der Daktyloskopie aufgeklärt. Anhand eines am Tatort zurückgelassenen blutigen Daumenabdruckes identifizierte Juan Vucetich, Leiter des Erkennungsdienstes in La Plata, eine Frau als Mörderin ihrer Kinder. 1896 entwickelte Vucetich sein eigenes Klassifizierungssystem, welches 1905 in ganz Südamerika angewendet wurde.
Der Nachfolger Herschels in Indien und spätere Polizeipräsident von London, Edward Richard Henry, sorgte für die Einführung der Daktyloskopie in England und Europa. Aufbauend auf das Klassifizierungssystem von Galton verbesserte Henry mit Hilfe eines indischen Mathematikers das System und entwickelte das "Galton-Henry-System", das auch heute noch in seinen Grundelementen von vielen Erkennungsdiensten der Welt angewendet wird. Es wurde 1897 offiziell in Britisch-Indien eingeführt. Ab 1901 wurde in England auf die Anthropometrie verzichtet und die Daktyloskopie als ausschließliches Identifizierungsmittel eingeführt. 1902 folgten Österreich und Ungarn dem britischen Beispiel.

Einführung der Daktyloskopie in Deutschland

Am 01.04.1903 erfolgte die Einführung der Daktyloskopie in Deutschland. Der Dresdner Polizeipräsident Paul Köttig schuf die erste mit daktyloskopischen Formeln arbeitende Sammlung Deutschlands nach dem System Galton-Henry, im Königreich Sachsen. Im Herbst 1903 folgte Hamburg, am 21.11.1903 Berlin, Nürnberg am 09.12.1903, Augsburg am 14.12.1903 und München am 01.07.1909.

Erst der Diebstahl der "Mona Lisa" überzeugt auch die Franzosen

Frankreich dagegen verblieb all die Jahre bei der Anthropometrie: Bertillon sträubte sich gegen die Abschaffung seines Systems. Erst durch einen der berühmtesten Diebstähle unserer Zeit im Jahre 1911, dem Raub der "Mona Lisa" aus dem Louvre in Paris, der anhand eines Fingerabdrucks hätte aufgeklärt werden können, geriet die Vorherrschaft der Anthropometrie ins Wanken. Der Dieb schnitt das Bild aus dem Rahmen und ließ den Rahmen samt eines Fingerabdrucks am Tatort zurück. Zu den Verdächtigen gehörte auch ein Mann namens Vincenzo Perugio, der zur fraglichen Zeit im Louvre arbeitete und kein lückenloses Alibi nachweisen konnte. Er war bereits wegen anderer Straftaten beim Pariser Erkennungsdienst registriert - allerdings nach dem Bertillonischen System. Versuche, alle zehn Fingerabdrücke von ihm zu bekommen, scheiterten, weil er flüchten konnte. Erst 1913 wurde Perugio festgenommen, als er einem Kunsthändler in Florenz die "Mona Lisa" zum Kauf anbot. Das Bild lag die ganze Zeit versteckt im doppelten Boden eines Koffers. Im Jahre 1914, nach dem Tode Bertillons, wurde die Daktyloskopie auch in Frankreich eingeführt.
Im gleichen Jahr wurde auf dem internationalen Polizeikongress in Monaco die Daktyloskopie als internationales Verbrecherregistrierverfahren vorgeschlagen und die europaweite Einführung beschlossen (was allerdings wegen des 1. Weltkrieges zunächst nicht realisiert wurde).

Entwicklungsstationen bis zur Gegenwart

Im 2. Weltkrieg wurden die meisten Fingerabdrucksammlungen in Deutschland vernichtet. Die Münchner Sammlung überstand diese Zeit jedoch und bildete den Grundstock für die Sammlung des Bayerischen Landeskriminalamtes. 1946 wurde in Hamburg die erste Zehnfingerabdrucksammlung für den Bereich einer Besatzungszone errichtet. Die Sammlung des Bundeskriminalamtes (BKA) ging später hieraus hervor. Mit der Entscheidung des Bundesgerichtshofes vom 11.06.1952 erkannte die Rechtssprechung den Beweiswert der Daktyloskopie im Strafverfahren uneingeschränkt an. 1976 nahm das erste halbautomatische
Datenverarbeitungssystem zur Auswertung von Fingerabdrücken - das Bund-Länder-System - den Wirkbetrieb auf.
Das verbesserte, automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungs-System wurde im Dezember 1993 eingeführt. Vergangenes Jahr wurde AFIS auf eine noch effizientere Software - "MetaMorpho" - umgestellt. Nun können auch Handflächenabdrücke und Handflächenspuren systematisch ausgewertet werden.
Pro Jahr werden in AFIS mehr als 24.000 Spurenverursacher vom BKA und den Landeskriminalämtern identifiziert. Zu Zeiten des manuellen Vergleichs wären dafür mehr als 20 Jahre benötigt worden. Aktuell sind in AFIS die Fingerabdrücke von ca. 2,8 Millionen Personen gespeichert. Dazu kommen täglich bis zu 1.400 neue Datensätze.

Seit Einführung der "Livescan"-Technologie im Jahr 2004 können zudem Fingerabdrücke digital - also ohne Verwendung von Druckerschwärze - aufgenommen und in das zentrale AFIS des BKA übertragen werden.