Bundeskriminalamt (BKA)

In­ter­view: "Kat­rin Sei­ler vom BKA in Wies­ba­den hat Ter­ror­ver­däch­ti­ge in ganz Deutsch­land ge­jagt"

BKA-Mitarbeiterin Katrin Seiler über ihre Arbeit im BKA

  • Datum:19. Juni 2017
  • Interview mit: Katrin Seiler
  • Interviewer Wiesbadener Kurier

Katrin Seiler war mit der Wüstenpolizei in Jordanien unterwegs und hat Terrorverdächtige in ganz Deutschland gejagt. Nun wirbt die Beamtin des Bundeskriminalamts um neue Kollegen. Ein Gespräch über Beharrlichkeit und Bilder, die einem nicht aus dem Kopf gehen.

Wiesbadener Kurier: Frau Seiler, sind Sie als Frau eine Exotin beim Bundeskriminalamt?

Seiler: Nein. Im BKA ist der Frauenanteil relativ hoch. Bei uns arbeiten weitaus mehr Frauen als bei den meisten anderen Polizeibehörden. Bei den jetzigen Ausbildungsgruppen zum gehobenen Kriminaldienst sind im Schnitt zwei von fünf Teilnehmern weiblich. Der Anteil weiblicher Führungskräfte ist jedoch noch etwas geringer.

Wiesbadener Kurier: Sie sind seit fast 30 Jahren Kriminalbeamtin. Können Sie sich an Ihren ersten Einsatz erinnern?

Seiler: Natürlich. Während der Ausbildung war ich in der Abteilung Staatsschutz eingesetzt und half bei der Fahndung nach Agenten der DDR-Staatssicherheit. In einer Bibliothek der Bundeswehr war ein Kassiber gefunden worden, ein kleiner Zettel mit Zahlencodes. Wir versuchten herauszufinden, von wem er hineingeschmuggelt worden war und worum es in der geheimen Botschaft ging.

Wiesbadener Kurier: Wie in den alten Agentenfilmen?

Seiler: Ja, genau.

Wiesbadener Kurier: Und haben Sie es geschafft?

Seiler: Leider nicht. Wir haben nie herausgefunden, von wem der Kassiber stammte und was die Nachricht genau bedeutete. Sie haben als Teil der Tatortgruppe schon Lastwagen zerlegt, um Rauschgift zu suchen, nach Anschlägen Spuren gesichert, mutmaßlichen Terroristen Haarproben entnommen.

Wiesbadener Kurier: Gibt es Bilder, die Ihnen nicht aus dem Kopf gehen?

Seiler: Anfang der 90er Jahre war ich Ermittlerin in einer Arbeitsgruppe, die sich speziell mit den Attentaten der Provisional Irish Republican Army (PIRA) gegen britische Soldaten in Deutschland befasste. Die PIRA-Terroristen hatten bei einem der Attentate auf ein Auto geschossen. Hinter dem Soldaten, der das eigentliche Ziel des Anschlags war, saß sein Baby im Kindersitz, das ebenfalls erschossen worden war. So etwas vergisst man nicht leicht, besonders wenn man selber Kinder hat.

Wiesbadener Kurier: Wie schalten Sie nach solchen Tagen ab?

Seiler: Einfach zu Hause, mit meiner Familie und Freunden. Oder beim Lesen. Ich gehe regelmäßig joggen und paddeln mit dem Kajak. Aber auch bei der Gartenarbeit kann ich sehr gut abschalten.

Wiesbadener Kurier: Bei der Aufklärung der Anschläge der PIRA waren viele Ihrer Kollegen beteiligt...

Seiler: Ja, bei einem dieser Fälle haben wir die in Frankreich festgenommenen Terroristen mit dem Hubschrauber nach Deutschland geholt und hier vernommen. Es gab große
Gegenüberstellungen, bei denen mehr als 100 Kräfte im Einsatz waren, vom Maskenbildner bis zum Personenschützer. Wir haben zahlreiche Zeugen gleichzeitig befragt. Und auch viele Gespräche mit den Terroristen geführt.

Wiesbadener Kurier: Was waren das für Menschen?

Seiler: Sie waren zum Teil kaum älter als ich, Anfang 20, hatten im Nordirlandkonflikt Geschwister oder Angehörige verloren. Ein Pärchen hatte sich frisch verliebt. Sie lebten in einem kleinen Dorf in Deutschland, waren mit den Nachbarn befreundet, trafen sich zum Kaffeetrinken mit ihnen. Sie waren einerseits wie Du und ich. Andererseits hatten sie Menschen getötet.

Wiesbadener Kurier: War es schwierig, mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

Seiler: Die Aggression der PIRA-Terroristen richtete sich vornehmlich gegen die britische Armee. Insofern waren sie uns Polizisten gegenüber aufgeschlossen. Ich war aber auch an der Vernehmung von RAF-Terroristen beteiligt. Für sie haben wir als Repräsentanten des Staates das Feindbild verkörpert. Da war die Kommunikation weitaus schwieriger.

Wiesbadener Kurier: Worüber redet man mit Terroristen?

Seiler: Wir haben sie beispielsweise zu ihrer Motivation befragt, warum sie das gemacht haben, wie sie überhaupt da reingerutscht sind. Dabei versucht man, sich in den anderen hineinzuversetzen. Unser Job war es, Beweise zu finden, ob sie an den Attentaten beteiligt waren oder nicht. Das waren sehr umfangreiche Verfahren, die zum Teil mehrere Jahre gedauert haben.

Wiesbadener Kurier: Als Ermittler braucht man also viel Geduld?

Seiler: Eine gewisse Beharrlichkeit schadet nicht. Wir haben oftmals nicht sofort einen Ermittlungserfolg. Es vergehen manchmal Jahre, bis ein Fall abgeschlossen ist. Man muss
immer wieder nach neuen Erkenntnissen suchen und sich teilweise auch strategisch neuaufstellen.

Wiesbadener Kurier: Welche anderen Eigenschaften sollte ein Ermittler haben?

Seiler: Man muss neugierig und offen sein, Informationen zusammenführen und konzentriert arbeiten können.

Wiesbadener Kurier: Als Sie Leiterin der Projektgruppe zur Beschleunigung des Asylverfahrens waren, kam die große Asylwelle. Welche Auswirkungen hatte sie auf Ihre Arbeit?

Seiler: Das Bundeskriminalamt leistet dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration Amtshilfe zur Sicherung der Identität von Asylantragstellern. Mit Beginn der Flüchtlingswelle wurden wir geradezu mit Fingerabdruckblättern überschwemmt. Zum Vergleich: 2008 bekamen wir 20 000 Fingerabdruckblätter, sieben Jahre später waren es fast 500 000. In der Projektgruppe galt es, ein europäisches System zu optimieren, in dem die Fingerabdrücke von registrierten Asylantragsstellern erfasst werden, damit man feststellen kann, wer im Land ist, von wo er gekommen ist und wo er zuerst seinen Asylantrag gestellt hat. Zuletzt waren wir eine Taskforce mit gut 140 Mitarbeitern.

Wiesbadener Kurier: Welches ist das häufigste Vorurteil gegenüber der Arbeit von BKA-Beamten?

Seiler: Im Fernsehen werden wir meistens als diejenigen dargestellt, die alles besser wissen, die Länderkollegen belehren und damit meist daneben liegen. In der Realität habe ich das so noch nie erlebt. Wir haben eine enge Teamarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern. Wir ziehen alle an einem Strang und hierfür bringt jeder andere Kompetenzen mit.

Wiesbadener Kurier: Finden Sie, dass Deutschland heute ein sicheres Land ist?

Seiler: Aus meiner Sicht, ja.

Wiesbadener Kurier: Haben Sie es jemals bereut, diesen Beruf gewählt zu haben?

Seiler: Auf keinen Fall. Und ich freue mich, dass ich noch 15 Jahre vor mir habe. Es gibt noch so viel, was ich machen möchte. Aber ich habe auch einiges erlebt. Im Teamtraining in den Bergen habe ich mich aus einem Hubschrauber abgeseilt, in Jordanien waren wir mit Kamelen der Wüstenpolizei unterwegs, mit dem Spezialeinsatzkommando haben wir Wohnungen mutmaßlicher Terroristen gestürmt. Im ehemaligen Ceausescu-Palast in Bukarest haben wir die sogenannte "Sirene" mit aufgebaut, die rumänische Zentralstelle für die europaweite Personenfahndung. Das sind schon besondere Momente, die man nirgendwo anders erlebt. Im Rahmen des Sicherheitspakets bekam das BKA zahlreiche Stellen zugewiesen. Sie konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt mit den anderen Sicherheitsbehörden, die sich auch erweitern.

Wiesbadener Kurier: Ist es schwierig, Bewerber zu finden?

Seiler: Nein. Wir haben enorm große Bewerberzahlen. Wir wollen aber unsere Einstellungsprozesse und Auswahlverfahren modernisieren sowie das BKA als Arbeitgeber deutlicher herausstellen. Da sind andere Behörden weitaus länger auf dem Arbeitsmarkt unterwegs und gehen damit viel offensiver um.

Wiesbadener Kurier: Würden Sie Ihre Söhne unterstützen, falls sie sich dafür entscheiden, auch Kriminalbeamte zu werden?

Seiler: Auf jeden Fall.