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ViCLAS als unterstützende Falldatenbank

Neben den fallanalytischen Methoden wurde eine spezielle Software für eine Falldatenbank im Bereich der besonders schwerwiegenden Gewaltkriminalität entwickelt, die auf die fallanalytische Philosophie aufbaut und dazu geeignet ist, Rückfall-, Wiederholungs- und Serientäter anhand ihrer Taten zu erkennen. Damit werden die fallanalytischen Arbeiten unterstützt.

In Nordamerika wurde zunächst vom FBI Mitte der 80er Jahre die Falldatei "Violent Criminal Apprehension Program (ViCAP)" entwickelt; aufbauend auf ViCAP wurde Anfang der 1990er Jahre von der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) das Datenbanksystem "Violent Crime Linkage Analysis System (ViCLAS)" entwickelt. Das von der Royal Canadian Mounted Police angewandte ViCLAS-Datenbanksystem wird derzeit weltweit in elf Staaten (Kanada, Großbritannien, Deutschland, Niederlande, in drei US-Staaten, Österreich, Schweden, Dänemark, Schweiz, Tschechische Republik und Dänemark) eingesetzt. Flächendeckend läuft diese Datenbank in Kanada, Großbritannien und Deutschland.
Das Datenbanksystem dient vornehmlich dazu, Straftaten von Wiederholungstätern im Bereich der schweren Gewaltkriminalität unter fallanalytischen Gesichtspunkten effizienter recherchieren zu können, sie zu erkennen und ihre Einzeltaten schnellstmöglich zusammenzuführen. Dabei wird der kriminalistische Einzelfall bezüglich Übereinstimmungen zu anderen Fällen eingehend überprüft, um damit zur Feststellung von Tatzusammenhängen oder zur Täteridentifizierung beizutragen.

Es werden ausführliche Fallinformationen zu folgenden Deliktsbereichen erfasst:

  • Tötungsdelikte mit sexuellem, unklarem oder unbekanntem Motiv, sowie sonstige Tötungsdelikte, wenn eine Gesamtwürdigung (Wiederholungsgefahr und besondere Tatumstände) eine ViCLAS-Relevanz ergibt;
  • sexuelle Gewaltdelikte, wenn körperliche Gewalt angewendet oder angedroht wurde;
  • Vermisstenfälle, wenn die Gesamtumstände auf ein Verbrechen hindeuten;
  • verdächtiges Ansprechen von Kindern und Jugendlichen, wenn versucht wurde, das Kind mit körperlicher Gewalt unter Kontrolle zu bringen bzw. verbal ein listiges oder bedrohendes Verhalten gezeigt wurde und versucht wurde, das Kind an einen anderen Ort zu bringen.

Als allgemeines, einschränkendes Eingabekriterium gilt, dass eine Wiederholungsgefahr vorliegen muss. Täter und Taten, die im sozialen Nahraum des Opfers auftreten, werden nicht eingegeben, weil in diesen Fällen die Opfer als Zeugen den Fall bereits angezeigt und dabei den Täter benannt haben. Ziel der ViCLAS-Datenbank ist es also vor allem, den fremden, den unbekannten Gewalttäter anhand seiner typischen Verhaltensmerkmale aufzuspüren.

Eine solche spezielle Falldatei kann allerdings nur dann effizient sein, wenn die entsprechenden umfassenden Daten bundesweit auf hohem kriminalistischen und kriminologischen Qualitätsniveau gesammelt, eingegeben, recherchiert und ausgewertet werden. Die AG Kripo hat am 22. Januar 1999 die bundesweite Einführung von ViCLAS bei der deutschen Polizei beschlossen. Der bundesweite Wirkbetrieb läuft seit dem 7. Juni 2000.

Weiterhin gibt es aus dem Bereich der kriminologischen Forschung Auswertungen und Datenbanken, mit deren Hilfe typische Fallstrukturen erkennbar gemacht werden können. Bei diesen Auswertungen geht es also nicht darum, individuelle Fallverknüpfungen herzustellen und auch nicht darum, dass der individuelle Täter in der Datei (wieder-)erkannt werden soll. Um Strukturmerkmale von bestimmten Deliktsgruppen für die kriminalistische Arbeit verstehen zu können, werden hierzu bereits ermittelte Fälle retrograd aufbereitet, statistisch ausgewertet und es werden dann die typischen Strukturen von Fallgruppen und Falluntergruppen herausgearbeitet.
Durch Analogieschlüsse erhält man daraus dann Erkenntnisse zum neuen, aktuell laufenden Kriminalfall ("Der vorliegende Fall hat besondere Ähnlichkeiten mit den Fällen x, y und z, die bereits analysiert wurden. Demnach ist zu erwarten, dass die folgenden Tat- und Tätermerkmale auch ähnlich sind: ... "). Diese Einschätzungen zum einzelnen Kriminalfall auf der Basis von retrograd ausgewerteten Fallstrukturen fanden bisher vor allem in den folgenden Deliktsbereichen statt:

  • Bankraubdelikte,
  • Erpressungsdelikte,
  • erpresserischer Menschenraub,
  • Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung,
  • sexuelle Gewaltdelikte und Tötungsdelikte in Verbindung mit Sexualdelikten,
  • Täter-Opfer-Interaktion bei Geiselnahme,
  • Belästigen von Politikern ("Politiker-Stalking").

Im Ausland wurden bereits Versuche unternommen, solche Strukturdaten auch im Bereich der Massenkriminalität (beispielsweise bezüglich Wohnungseinbrüchen) aufzubereiten und über Computerprogramme recherchierbar zu machen.


Expertendatenbank und Auskunftssystem

Üblicherweise sieht sich eine Mord- oder Sonderkommission in der wichtigen Anfangsphase der Fallbearbeitung mit dem Problem konfrontiert, dass ein extremer Informationsmangel vorherrscht (Was ist geschehen? Wo kann kriminalistisch angesetzt werden? Welches Wissen muss verfügbar sein?) und es besteht in solchen Lagen deshalb ein hohes Maß an Entscheidungsunsicherheit. Unter hohem Zeitdruck müssen dann auf hohem Niveau Informationslücken geschlossen werden. Manche Fallhypothese und manche Spur kann nicht adäquat weiterverfolgt werden, wenn notwendiges außerpolizeiliches Fachwissen nicht schnell genug zur Verfügung steht. Aus dem gleichen Grund können notwendige Schwerpunktsetzungen bei Ermittlung und Fahndung manchmal nicht sachgerecht durchgeführt werden. Deshalb richtete die OFA-Einheit im Jahr 2000 eine Computerunterstützung in Form einer Expertendatenbank ein: Polizeiinterne und polizeiexterne Spezialisten, die zur Fallaufklärung in bestimmten Deliktsfeldern von großer Bedeutung sein könnten, werden mit ihrer Erreichbarkeit gespeichert oder zeitnah recherchiert. Die OFA des Bundeskriminalamtes nennt seine Expertendatei und den dazu gehörigen Service "ESPE" (Experten- und Spezialistendatei). Dieser Service ist im BKA über das Telefon der OFA-Hotline (Tel.-Nr. (0611) 55-11800) erreichbar und es werden von der OFA-Hotline zeitnah individuelle Rechercheaufträge übernommen. Ziel ist es, den Bedarf der anfragenden Dienststelle innerhalb von 24 Stunden abzudecken.



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