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Dunkelfeldforschung

Was ist Dunkelfeldforschung?

Das Ziel von Dunkelfelduntersuchungen ist es, Erkenntnisse über das Gesamtaufkommen bestimmter Straftaten einschließlich des sog. (relativen) Dunkelfeldes, also den bei der Polizei nicht bekannten Straftaten, zu gewinnen. Denn während sich amtliche Kriminalstatistik lediglich auf das "Hellfeld" amtlich registrierter Vorgänge - und somit nur auf einen kleinen Ausschnitt von Kriminalität - bezieht, versuchen Dunkelfelduntersuchungen ein etwas umfassenderes Bild von Umfang und Struktur von Kriminalität zu liefern. Hierzu bedient man sich der Befragung zufällig ausgewählter Personen bezüglich ihrer Erfahrungen als Opfer ("Opferbefragungen") oder Täter ("Täterbefragungen") von Straftaten, sofern sie solche gemacht haben. Die in den Befragungen festgestellten Erfahrungen mit Kriminalität ermöglichen dann (statistische) Rückschlüsse auf das Kriminalitätsaufkommen in der Bevölkerung.

Dunkelfeld

Warum Dunkelfeldforschung?

Die Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wird besonders dadurch eingeschränkt, dass nur die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten und Tatverdächtigen gezählt werden (können). Ein Großteil der begangenen Straftaten werden der Polizei nicht bekannt. Der Umfang dieses Dunkelfeldes hängt von der Art des Deliktes ab und kann sich unter dem Einfluss variabler Faktoren, die nachfolgend aufgezeigt werden, auch im Zeitablauf ändern. Folgende Einflussfaktoren können sich auf die Entwicklung der Zahlen in der PKS auswirken:

  • Anzeigeverhalten: Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Kfz-Diebstahl) wird nur ein Teil der Straftaten zur Anzeige gebracht Die Anzeigewahrscheinlichkeit ist dabei nach Deliktart und -schwere, nach Täter- und Opfermerkmalen oder nach Täter-Opfer-Beziehungen sehr unterschiedlich. (Beispiel: Anzeigequote bei Fällen des persönlichen Diebstahls ca. 43%, bei Raub bei ca. 36%).
  • Polizeiliche Kontrolle: Bestimmte Deliktarten (Rauschgiftdelikte) werden der Polizei nur aufgrund eigener Tätigkeit bekannt. Polizeiliche Schwerpunktsetzungen haben somit einen großen Einfluss auf die Zahl der registrierten Fälle.
  • Statistische Erfassung: Änderungen z. B. bei den Zählregeln können sich auf die Zahl der Fälle, der registrierten Tatverdächtigen usw. auswirken. Beispiel: Im Berichtsjahr 2009 wurde auf die "Echttatverdächtigenzählung auf Bundesebene" umgestellt, wodurch Tatverdächtige, die in verschiedenen Bundesländern auffällig geworden sind - anders als bisher - auf Bundesebene nur noch einmal gezählt werden.
  • Änderung des Strafrechts: z. B. Neufassung des Tatbestandes der Vergewaltigung in den 90er Jahren (u. a. Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe).
  • Echte Veränderung der Kriminalität.

Es wird deutlich, dass nicht - wie in der Kriminologie lange angenommen - von einer feststehenden Relation zwischen begangenen und statistisch erfassten Straftaten ausgegangen werden kann. Ohne Zusatzinformationen aus Dunkelfelduntersuchungen bleibt nämlich ungewiss, ob die Zahlen der amtlichen Kriminalstatistik tatsächlich die Entwicklung der Kriminalitätswirklichkeit widerspiegeln oder lediglich aus einer Verschiebung von Hell- und Dunkelfeld resultieren. Die PKS bietet folglich kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität.

Würde sich eine Analyse verfügbarer Daten nun lediglich auf das Hellfeld der polizeilich registrierten Straftaten beziehen, so würde man mit den nicht angezeigten oder sonst nicht bekannt gewordenen Taten wesentliche Aspekte der Kriminalitätswirklichkeit ausklammern. Damit würden Lagebeurteilungen - und darauf aufgebaute Präventions- und Interventionsmaßnahmen - sowie Kriminalpolitik im Ganzen lediglich eine verzerrte Teilmenge des Phänomens berücksichtigen und somit lücken- oder gar fehlerhaft sein.

Dunkelfeldforschung im Bundeskriminalamt

Bereits in den 70er Jahren hat das Bundeskriminalamt an entsprechenden Projekten wichtige Beiträge zur Entwicklung der Dunkelfeldforschung geleistet. Zu nennen wären hier bspw. die Dunkelfeldforschung in Göttingen, die Stuttgarter Opferbefragung (beide 1973/74), die Studie Wohnhausarchitektur und Kriminalität (1979/80) sowie Dunkelfelduntersuchungen in Solingen (1981/82) und Bochum (1975-1986-1998).

Eine ausführliche Übersicht mit Initiativen im Bereich der Dunkelfelduntersuchungen, die vom BKA gefördert worden sind bzw. an denen sich das BKA beteiligt hat, können Sie über den nachfolgenden Link einsehen.

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Die Durchführung einer eigenen bundesweiten Dunkelfelduntersuchung wird bereits seit mehreren Jahren angestrebt. Besonders eindringlich wurde die Forderung nach einer regelmäßigen, statistikbegleitenden Opferbefragung in den beiden Periodischen Sicherheitsberichten der Bundesregierung (PSB) erhoben. Dieser schloss sich die Expertengruppe zur "Optimierung des bestehenden kriminalstatistischen Systems in Deutschland" - an der auch das BKA beteiligt war - 2009 an (Vgl. Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten [Hrsg]: Optimierung des bestehenden kriminalstatistischen Systems in Deutschland, 2009). Bereits 2002 wurde hierfür ein von einer interministeriellen/interdisziplinären Arbeitsgruppe "Regelmäßige Durchführung von Opferbefragungen (BUKS)" entwickeltes Erhebungskonzept vorgelegt.

Aktuelle Forschungsinitiativen

Geleitet von der Zielvorstellung einer im BKA-Gesetz geforderten umfassenden Kriminalitätsbeobachtung und -bewertung befasst sich das BKA auf unterschiedliche Weise mit Forschungsaktivitäten zum Dunkelfeld. Zu nennen sind beispielsweise Projekte, die einen starken deliktischen (phänomenologischen) Schwerpunkt haben und vor allem die polizeiliche Praxis bei der Bekämpfung der verschiedener Kriminalitätsformen, die sich von schweren Gewaltdelikten, Anlagedelikten, Umweltkriminalität, Menschenhandel, IuK-Kriminalität bis hin zu Terrorismus und Extremismus erstrecken, unterstützen sollen. Daneben beschäftigt sich der Fachbereich KI 12 (Forschungsstelle Polizeiliche Kriminalstatistik, kriminalstatistisch-kriminologische Analysen, Dunkelfeldforschung) mit Erkenntnissen nationaler und internationaler Dunkelfelduntersuchungen, die vorwiegend individuelle Erfahrungen ausgewählter Personen oder Personengruppen mit Kriminalität ("Opferbefragungen") zum Gegenstand haben.

Auch im internationalen Kontext kommt der Dunkelfeldforschung in den letzten Jahren eine zunehmende Bedeutung zu. So hat sich bspw. das BKA 2008-2010 auf europäischer Ebene gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt an der Testerhebung "Translating and Testing a Victimisation Survey Module" des Europäischen Statistikamtes EUROSTAT beteiligt. Ziel ist die Implementierung einer europaweiten Befragung im Jahr 2013 zu Viktimisierungserfahrungen, dem Anzeigeverhalten sowie Einstellung gegenüber Polizei und Justiz ("European Safety Survey"). Aktuell finden auf EU und nationaler Ebene die rechtlichen Abstimmungsprozesse zur Umsetzung der geplanten Erhebung statt. Das BKA beteiligt sich zudem aktiv an der Planung und Organisation der Erhebung, u.a. im Rahmen der "EU Task Force on Victimisation Survey".

Weiterhin fand in den Jahren 2010/2011 eine Beteiligung im Projekt "International Crime and Victim Survey (ICVS-2)" statt. Auch hier handelt es sich um eine internationale Dunkelfeldbefragung, die jedoch bereits seit 1989 in verschiedenen Ländern der Welt durchgeführt wird. Da die bisher als telefonische Befragung konzipierte Erhebung in den letzten Jahren unter der zunehmenden Teilnahmeverweigerung an telefonischen Befragungen leiden musste, wurden neue methodische Zugänge über das Internet getestet. Neben Deutschland waren fünf weitere Partner an dem Projekt beteiligt.

Die Implementierung einer (repräsentativen) Dunkelfelduntersuchungen auf nationaler Ebene wird aktuell in Form des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Verbundprojektes "Barometer Sicherheit in Deutschland" umgesetzt. Das BKA ist in dem Projekt - als einer von insgesamt sieben Konsortialpartnern - für die Gewinnung von objektivierbaren Daten von individuell wahrgenommener (Un-)Sicherheit - maßgeblich in Form von Erfahrungen als Kriminalitätsopfer - in der Bevölkerung zuständig. Zu diesem Zweck wird eine in dieser Form und in diesem Umfang bislang in Deutschland nicht durchgeführte bundesweite Dunkelfeldbefragung von 35.000 Personen u.a. zu Opfererlebnissen (Viktimisierungserfahrungen), zum Sicherheitsgefühl bzw. zur Kriminalitätsfurcht und zum Anzeigeverhalten durchgeführt.

zum Projekt "Victimisation Survey Module" (Seite 9 des Forschungs- und Entwicklungsberichtes)

zum Konsortialprojekt "Sicherheiten, Wahrnehmungen, Lagebilder, Bedingungen und Erwartungen - Ein Monitoring zum Thema Sicherheit in Deutschland"

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