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Nutzung des Datenbanksystems ViCLAS

Im Jahr 2000 wurden auf Beschluss der AG Kripo in allen Bundesländern Spezialdienststellen für Operative Fallanalyse eingerichtet und gleichzeitig die Nutzung einer unterstützenden Falldatenbank im Bereich der besonders schwerwiegenden Gewaltkriminalität beschlossen, die dazu geeignet ist, Rückfall-, Wiederholungs- und Serientäter anhand ihrer Taten zu erkennen. Ziel war die flächendeckende Erarbeitung fallanalytisch begründeter Tatzusammenhangsvermutungen, die als Ermittlungshinweise an die ermittelnden Dienststellen weitergeleitet werden.

Die deutsche Polizei entschied sich für das Anfang der 1990er Jahre von der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) entwickelte Datenbanksystem "Violent Crime Linkage Analysis System (ViCLAS)", das auf der Mitte der 80er Jahre vom FBI entwickelten Falldatei "Violent Criminal Apprehension Program (ViCAP)" aufbaut. Das ViCLAS-Datenbanksystem wird derzeit weltweit in elf Staaten (Kanada, Großbritannien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien, Frankreich, Tschechische Republik, Neuseelandund drei US-Staaten) eingesetzt.

Welche Fälle werden in ViCLAS gespeichert?

In Deutschland werden Fälle aus folgenden Deliktsbereichen in ViCLAS gespeichert:

  • Tötungsdelikte mit sexuellem, unklarem oder unbekanntem Motiv, sowie sonstige Tötungsdelikte, wenn eine Gesamtwürdigung (Wiederholungsgefahr und besondere Tatumstände) eine ViCLAS-Relevanz ergibt sowie Vermisstenfälle, wenn die Gesamtumstände auf ein Verbrechen hindeuten; (ca. 13 % des Datenbestandes)
  • sexuelle Gewaltdelikte, wenn körperliche Gewalt angewendet oder angedroht wurde, mit sog. "Grabscherfällen" vergleichbare Fälle werden nicht erfasst; (ca. 84 % des Datenbestandes)
  • verdächtiges Ansprechen von Kindern und Jugendlichen, wenn versucht wurde, das Kind mit körperlicher Gewalt unter Kontrolle zu bringen bzw. verbal ein listiges oder bedrohendes Verhalten gezeigt wurde und versucht wurde, das Kind an einen anderen Ort zu bringen.
    (ca. 3 % des Datenbestandes)

Taten von Tätern, die im sozialen Nahraum des Opfers auftreten, werden grundsätzlich nicht eingegeben, weil in diesen Fällen die Opfer als Zeugen den Fall bereits angezeigt und dabei den Täter benannt haben. Ausgenommen hiervon sind Fälle mit besonderen Tatumständen, die Anlass zu der Sorge geben, der Täter könnte auch außerhalb seines sozialen Nahraums auftreten.

Entwicklungen bei der Nutzung von ViCLAS

Das ursprüngliche Ziel, durch die Nutzung der ViCLAS-Datenbank, den unbekannten fremden Gewalttäter anhand seiner typischen Verhaltensmerkmale bei der Begehung schwerer Gewalttaten aufzuspüren, hat sich im Laufe der Jahre stark relativiert. Sowohl die kriminalistische Praxis als auch die kriminologische Forschung haben gezeigt, dass die Täter in dem ViCLAS-relevanten Deliktsbereich nicht in erster Linie durch Wiederholungstaten in diesem Deliktsbereich polizeilich bekannt werden, sondern mit viel höherer Wahrscheinlichkeit durch Tatbegehungen in anderen Deliktsbereichen auffallen. Dieser Umstand findet dann bei der Suche nach dem unbekannten Täter Berücksichtigung.

Die deutschen OFA-Dienststellen haben in den 15 Jahren der Nutzung der ViCLAS-Datenbank ihre Philosophie ständig angepasst und weiterentwickelt. Bei der Nutzung von ViCLAS gelten heute folgende Maxime:

  1. Spezialisten-Datenbank
    Analyse, Eingabe, und Recherche der ViCLAS-relevanten Fälle muss durch fallanalytisch geschulte Personen erfolgen. Auf Basis ihrer fallanalytischen Erschließung und Bewertung werden die Fallinformationen vertextet und codiert und somit zielführenden Recherchen zugänglich gemacht.
    Diese Beschränkung auf einen Kreis hochspezialisierter Analytiker (derzeit in Deutschland etwa 80 Personen) stellt ein wesentliches Qualitätskriterium der ViCLAS-gestützten analytischen Bearbeitung der Delikte dar.
  2. Monitoringsystem statt Meldedienst
    Die ursprüngliche Herangehensweise der Fallgewinnung in Form eines Meldedienstes (Übersendung eines Erhebungsbogens relevanter Fälle durch die sachbearbeitende Dienststelle) hat sich nicht bewährt. Sie ergab erhebliche Mängel bei der Qualität, der Quantität und der Aktualität der gemeldeten Fälle.
    Im Zuge der Weiterentwicklung der DV-Technik in der polizeilichen Arbeitswelt sind die OFA-Dienststellen heute dazu in der Lage, regelmäßig die Kriminalitätslage hinsichtlich möglicher ViCLAS-relevanter Fälle auszuwerten und die Fallinformationen der in Frage kommenden Fälle im Zusammenwirken mit der Sachbearbeitung direkt aus den elektronischen Vorgangsbearbeitungen zu extrahieren und in ViCLAS zu erfassen. Dies führt dazu, dass grundsätzlich alle relevanten Fälle zeitnah in die Datenbank eingegeben und recherchiert werden können. Ermittlungshinweise können so zeitnah an die ermittelnden Dienststellen gegeben werden und unmittelbar in die laufende Bearbeitung des Falles mit einfließen.
  3. Methodik der ViCLAS-Analyse
    Entgegen landläufiger Ansichten reicht es bei der Nutzung der ViCLAS-Datenbank in der Regel nicht aus, auf der Basis reiner Merkmalsvergleiche (z. B. im Hinblick auf das eingesetzte Tatwerkzeug oder auf praktizierte sexuelle Handlungen) Übereinstimmungen zusammenzufassen und daraus einen Tatzusammenhang abzuleiten.
    Kriminologische Untersuchungen und die kriminalistische Erfahrung zeigen, dass die ViCLAS-relevanten Delikte, insbes. die sexuell assoziierten Gewaltdelikte fremder Täter, eher nicht von hoher Verhaltensperseveranz geprägt sind, sondern dass diese Taten meist einen spontanen Charakter haben, der stark von der Situativität der Tatbegehung geprägt ist.
    ViCLAS-Analytiker müssen über ein ausgeprägtes Fallverständnis des Anlassdeliktes verfügen und auf dieser Basis bewerten, wie sich das Tatverhalten des Täters des Anlassdeliktes unter den veränderten situativen Rahmenbedingungen anderer Straftaten ausgeprägt haben wird. Dies bedeutet, dass die ViCLAS-Analytiker neben den Tatmerkmalen des Anlassdeliktes großes Augenmerk auf dynamische Faktoren (z. B. anderes Opfer, andere Tatörtlichkeit, andere Lichtverhältnisse oder sonstige Störungen) und Lernerfahrungen (z. B. Verwerfen von Tatbegehungsweisen, die sich als nicht erfolgsträchtig herausgestellt haben) richten müssen, die dem Täter Verhaltensänderungen abfordern können.
    Solche komplexe Wechselwirkungen lassen sich nicht auf der Basis einer mechanischen Bedienung einer Datenbank erkennen, sie erfordern eingehende fallanalytische Bewertungen durch die ViCLAS-Analytiker. Die Datenbank dient dabei als Hilfsmittel zur Generierung eines überschaubaren Pools von Fällen, die einer vergleichenden Bewertung durch den Analytiker unterzogen werden. Dabei werden für die Recherche die unterschiedlichsten Parameter herangezogen, deren Auswahl ebenfalls auf dem Verständnis des Ausgangsfalls basiert.
  4. Erweiterung der Recherche auf andere Deliktsbereiche
    ViCLAS-relevante Delikte werden heute nicht mehr nur in ViCLAS recherchiert, sondern die Recherchemöglichkeiten in anderen polizeilichen Datenbanken und werden genutzt. Basierend auf dem zum Ausgangsfall erarbeiteten Fallverständnis können diese Recherchen sehr präzise ausgerichtet werden. In geeigneten Fällen sind hier Recherchen nach geografisch und zeitlich nah an der Ausgangstat liegenden polizeilichen Erkenntnissen möglich, die durch die Kombination von Fallverständnis, kriminologischen Erkenntnissen und DV-technischem Know-How vermehrt zu erfolgversprechenden Ermittlungshinweisen führen.


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