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Bundesweite Serie von Schüssen auf Autotransporter:
Pressekonferenz zur aktuellen Lageentwicklung und Intensivierung der Öffentlichkeitsfahndung

Erscheinungsdatum
20.11.2012

Phänomen Schussabgabe auf Autotransporter - Präsident Jörg Ziercke anlässlich der Pressekonferenz am 20.11.2012

Ort:

Bundeskriminalamt
Standort W1, Großer Saal
65173 Wiesbaden
Presseinformation als PDF-Dokument

Zeit:

Dienstag, 20. November 2012
10:00 Uhr
zusätzliches Bildmaterial

Im Juli 2008 wurde zum ersten Mal der Beschuss eines Autotransporters festgestellt. Bis Ende 2008 registrierten wir insgesamt neun Beschüsse, Anfang 2009 stiegen die Fallzahlen jedoch deutlich an. Der polizeiliche Nachrichtenaustausch und gezielte Auswertungen führten schnell zu der Einschätzung, dass es sich bei den Beschüssen um ein neues, überregionales, bundesweites Kriminalitätsphänomen handelt.

Zum Phänomen:

Auf deutschen Bundesautobahnen werden überwiegend Autotransporter während der Fahrt mit Schusswaffen des Kaliber .22 beschossen. Die Projektile dringen meist in die Karosserien der auf den Autotransportern geladenen Fahrzeuge ein. Vielfach werden auch andere Fahrzeuge, Koffersattelzüge, Lkw mit Kastenaufbauten, Baumaschinen und Baufahrzeuge in Baustellenbereichen und Wohnmobile getroffen.
Mit Stand von heute verzeichnet die Polizei:

  • 544 Beschüsse von Autotransportern,
  • 175 Beschüsse von anderen Fahrzeugen,
  • 1 Beschuss eines hinter einer Lärmschutzwand stehenden Wohnhauses, wobei das Haus wahrscheinlich zufällig getroffen wurde.

Glücklicherweise trafen die Schüsse bislang nur in einem Fall eine Person, wir gehen hier von einem unbeabsichtigten Treffer aus: Am Abend des 10.11.2009 wurde die Fahrerin eines PKW auf der A3 bei Würzburg von einem Projektil Kaliber .22 getroffen. Ihr Fahrzeug kam daraufhin von der Fahrbahn ab und prallte gegen die Mittelleitplanke. Weitere Verletzungen oder Schäden blieben glücklicherweise aus. Einen Tag später gingen bei der Kriminalpolizei Würzburg drei weitere Meldungen über Schussbeschädigungen an verschiedenen Lkw auf genau dieser Strecke an genau diesem Tag ein.

Im ersten Halbjahr 2010 kam es zu drei Fällen, in denen die Seitenscheiben von Fahrerhäusern durchschossen wurden. In einem dieser Fälle verfehlte das Projektil den Kopf des Fahrers nur knapp.
In den beschriebenen (vier) Fällen haben die zuständigen Staatsanwaltschaften Ermittlungsverfahren wegen versuchter Tötung eingeleitet.
Bei insgesamt mittlerweile über 700 Beschüssen können wir von Glück reden, dass nicht mehr Personenschäden zu verzeichnen sind.

Nur in wenigen Fällen können wir die Tatorte genau lokalisieren, denn die Tatorte sind in der Regel nicht die Feststellungsorte der Schäden. Häufig werden die Schäden durch die Schussabgabe erst deutlich später durch die Fahrer bemerkt.

Die Hinweise und Tatrekonstruktionen ergeben aber folgende Schwerpunkte der Beschüsse:

  • die A4 zwischen Aachen und Köln,
  • die A3 zwischen Köln und Nürnberg,
  • die A61 zwischen Autobahnkreuz Kerpen und Walldorfer Kreuz,
  • die A6 zwischen Walldorfer Kreuz und Autobahnkreuz Nürnberg-Ost,
  • die A5 zwischen Karlsruhe und Kirchheim.

Vor allem betroffen sind damit die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen.
Wir verzeichnen jedoch nicht nur in Deutschland Fälle dieser Art. Auch im Ausland agieren der oder die Täter: Insbesondere in Belgien – hier fingen die Beschüsse zeitgleich zu Deutschland im Jahr 2008 (genau: September) an, bis heute wurden in Belgien 14 Beschüsse festgestellt – aber auch aus Frankreich und Österreich wurden in Einzelfällen Beschuss-Schäden gemeldet, bei denen davon auszugehen ist, dass der Beschuss vermutlich in Deutschland erfolgte.

Welche Maßnahmen haben wir bislang getroffen?

Im August 2009 richtete das BKA die "AG Transporter" ein. Unser Ziel: Bundesweit die polizeilichen Maßnahmen koordinieren und die einzelnen Tatkomplexe – bis zu diesem Zeitpunkt 127 Fälle – an zentraler Stelle sammeln und auswerten. Wir erhofften uns, Tatzusammenhänge zu erkennen, neue Ermittlungsansätze zu gewinnen.

Im Oktober 2009 entschlossen wir uns dazu, mit einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit zu informieren und die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Fahndung nach dem bzw. den unbekannten Tätern aufzurufen. Wir baten dringend darum, verdächtige Feststellungen an das BKA oder jede andere Polizeidienststelle zu melden.

Im Juli 2011 bezogen Staatsanwaltschaft und BKA zusätzlich Funk und Fernsehen in die Öffentlichkeitsfahndung ein: An zahlreichen Raststätten und Tankstellen entlang der hauptsächlich betroffenen Routen haben wir 1.200 Fahndungsplakate mit dem Aufruf zur Mithilfe ausgehängt. Für sachdienliche Hinweise wurden 27.000 € Belohnung ausgelobt. Bislang jedoch ohne Ergebnis.

Bisher wissen wir: In vielen Fällen wurde mit ein und derselben Waffe geschossen. Das ergaben die kriminaltechnischen Untersuchungen. Ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir vermuten, dass es sich um "mobile" Täter handelt, die selbst auf Bundesautobahnen unterwegs sind. Es liegen zudem Anhaltspunkte vor, dass es sich um Berufskraftfahrer, konkret LKW-Fahrer handeln könnte.

Seit Juni 2012 hat sich die Gefährdung erhöht.

Der oder die Täter verwenden seit Juni dieses Jahres nicht mehr Waffen des kleineren Kalibers .22, sondern Kaliber 9mm. Inzwischen in 40 Fällen. Aufgrund der höheren Durchschlagskraft eines 9mm Geschosses ist die Gefährdung der Fahrer und anderer Verkehrsteilnehmer bei Beschüssen mit einer Waffe des Kalibers 9mm deutlich höher als beim Kaliber .22. Nach unseren Erkenntnissen schießt der Täter nicht gezielt auf Menschen – bei Autotransportern wurden häufig die hinteren Ladungsfahrzeuge beschossen.

Der Täter nimmt jedoch schwere Verletzungen anderer Verkehrsteilnehmer in Kauf. Die bisherigen Fälle zeigen die Gefahren deutlich: Wer die Scheiben von Fahrerhäusern durchschießt, gefährdet das Leben des jeweiligen Fahrers.

Am Fall des getroffenen Wohnhauses sehen Sie: Geschosse mit 9mm haben eine erhebliche Durchschlagskraft. Das Geschoss durchschlug zunächst eine Lärmschutzwand aus Aluminium, dann ein Fenster mit Doppelverglasung, eine Rigipswand und blieb dann im Flur liegen. Wir gehen davon aus, dass das Haus nicht gezielt beschossen wurde – es war von der Autobahn aus nicht zu sehen.

In den meisten Fällen erfolgt die Schussabgabe von der Fahrerseite aus in den Gegenverkehr hinein, vereinzelt auch bei Überholvorgängen sowohl des Täterfahrzeugs als auch der beschossenen Fahrzeuge. Bei dem teilweise sehr hohen Verkehrsaufkommen auf deutschen Autobahnen ist es ein glücklicher Umstand, dass bislang nicht mehr Personen zu Schaden gekommen sind.
Selbst wenn Menschen nicht direkt beschossen werden, kann jeder Treffer Unfälle verursachen – wie im Fall der verletzten Fahrerin des bei Würzburg getroffenen PKW geschehen.

In Reaktion auf die Verschärfung der Lage richtete das BKA im Oktober 2012 die Besondere Aufbauorganisation "Transporter" ein. Darin ermitteln, unter Federführung des BKA, Polizeibeamte der hauptsächlich betroffenen Länder Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gemeinsam. In den Ländern selbst haben wir Regionale Einsatzabschnitte eingerichtet – so konzentrieren wir die Ermittlungen und sind gleichzeitig regional vor Ort.

Welche Maßnahmen hat die BAO ergriffen?

Unter Beteiligung von Spezialisten der Länderpolizeien setzen wir die Operative Fallanalyse ein, die uns Hinweise zum Täterprofil geben soll. Wir haben auch andere Behörden wie Zoll und Bundesamt für Güterverkehr aber auch Autobahnmeistereien, Baufirmen, ADAC informiert, die Wirtschaft, insbesondere Speditionen und Autoversicherer binden wir durch zielgerichtete Ansprache stärker als zuvor in unsere Fahndungsmaßnahmen ein.

Die Konzentration und Bündelung der polizeilichen Maßnahmen findet ihre Entsprechung auf justizieller Seite. Die Staatsanwaltschaften Koblenz und Würzburg führen sogenannte Sammelverfahren, in denen mehrere Taten in einem Ermittlungskomplex gebündelt werden.

Mit der heutigen Pressekonferenz möchten wir Sie über die Lageverschärfung informieren. Ich sagte es bereits, die Gefährdung von Verkehrsteilnehmern nimmt durch die Verwendung von 9mm Geschossen erheblich zu. In erster Linie sprechen wir Geschädigte und potentielle Opfer, vor allem auch (Fern-)fahrer an. Es geht uns darum, möglichst schnell möglichst genaue Angaben zu Taten, Tatzeiten und Tatorten zu erhalten.

Speziell an Fahrer sind die Handzettel adressiert, die wir verteilen. Hierauf finden Sie neben Hinweisen zum Verhalten im Schadensfall auch unsere Telefonnummer.
Je schneller festgestellte Schäden und verdächtige Situationen an die Polizei gemeldet werden, desto höher ist die Chance, den Täter zu fassen!
Das Fahndungplakat werden wir bundesweit an Autobahn-Raststätten und Tankstellen aushängen.

Warum ist dieser Fall so schwer aufzuklären? Was sind die Besonderheiten dieser Serie?

  1. Die Beschüsse werden in der Regel nicht unmittelbar bemerkt. Konkrete Hinweise auf den Täter oder auch nur Angaben zu unmittelbaren Tatorten oder Tatzeiten liegen uns kaum vor. Die Beschüsse werden in den meisten Fällen erst am Zielort oder während einer Pause festgestellt. Aufgrund dieser Feststellzeiten und Feststellorte der Beschüsse können dann lediglich grobe Orts- und Zeitangaben, meist von mehreren Kilometern Strecke und bis zu mehreren Stunden an Fahrtzeit, rekonstruiert werden. Möglichkeiten der Fahndung sind so häufig nicht gegeben.
  2. In vielen Fällen kann lediglich ein Einschussloch festgestellt werden. Ohne die zugehörigen Geschosse, nur aufgrund von Einschusslöchern kann die Kriminaltechnik nur in wenigen Fällen auf die verwendete Munition schließen. Vergleiche zwischen den einzelnen Fällen sind damit nur eingeschränkt möglich.

Wir benötigen die Hilfe der Geschädigten, der Autobahnnutzer und der Bevölkerung – hierzu haben wir folgende Fragen:

  • Wer hat Schüsse insbesondere auf Autotransporter wahrgenommen?
  • Wer kennt LKW-Fahrer, die Schusswaffen mit sich führen?
  • Wer kann LKW-Fahrer benennen, die mit entsprechenden Schilderungen auf sich aufmerksam machten?
  • Wer hat insbesondere zu folgenden Zeiten Verdächtiges wahrgenommen:

    • am 4. September 2012 zwischen 3.30 und 6.00 Uhr auf der A6 zwischen Heilbronn und Mannheim,
    • am 27. September 2012 zwischen 19.30 und 20.00 Uhr auf der A3 bei Hösbach/Aschaffenburg in Richtung Würzburg.
  • Wer kann Hinweise geben auf Auffälligkeiten, die er im Zusammenhang mit den genannten Tatzeiten und Tatorten wahrgenommen hat?

Am 16. Oktober 2012 wurden zwischen 5.25 und 7.15 Uhr auf der A61 zwischen Erftstadt-Bliesheim und Koblenz zwei Autotransporter beschossen. Einer der beschossenen Transporter soll von einem Sattelzug mit orangefarbenem dreiachsigem Auflieger mit schwarzer Beschriftung überholt worden sein. Der Überholvorgang fand bei Dunkelheit statt. An dieser Stelle der Autobahn war zu diesem Zeitpunkt das Ende einer Baustelle mit Überleitung auf die Gegenfahrbahn. Die Autobahn ist hier dreispurig ausgebaut und führt mit Steigung durch ein Waldstück.

  • Der Fahrer des überholenden LKW wird dringend als Zeuge gesucht. Bitte melden Sie sich bei der Polizei!
  • Wer hat im benannten Zeitraum auf der A61 zwischen Erftstadt-Bliesheim und Koblenz Verdächtiges wahrgenommen und kann uns Hinweise geben?

Jeder Hinweis kann zum Täter führen:

  • Wer kennt Personen, die Waffen der Kaliber .22 und 9mm mit sich führen und/oder in Fahrzeugen mit erhöhter Sitzposition transportieren?
  • Wer kennt Personen, die Waffen der Kaliber .22 und 9mm nutzen und mit entsprechenden Schilderungen auf sich aufmerksam machten, mit entsprechenden Taten prahlten?

Wir erhoffen uns insbesondere Hinweise von Personen, die regelmäßig die Schwerpunktstrecken nutzen und von Personen, die im Umfeld "Autobahn" tätig sind und dadurch zweckdienliche Hinweise geben können.
Wir erwarten, dass die Erhöhung der Auslobung von 27.000 auf 100.000 € zweckdienliche Hinweise aus der Bevölkerung bringen und zur Ergreifung des Täters führen wird. Melden Sie sich, wenn Sie Verdächtiges wahrgenommen haben!

Solange der Täter aktiv ist stellt sich Vielen die Frage: Wie gefährlich ist es im Moment auf deutschen Autobahnen?

Ich möchte nicht dramatisieren und auf keinen Fall Panik schüren. In nur einem von über 700 Fällen wurde eine Person verletzt. Der oder die Täter schießen nicht gezielt auf Menschen, sondern auf die Ladung von Autotransportern, teilweise auch auf andere Fahrzeuge. Aber: Die Situation hat sich mit der Verwendung einer Waffe Kaliber 9mm verändert, die Gefährdung hat sich eindeutig erhöht.

Es besteht immer die Gefahr von Querschlägern und fehlgeleiteten Schüssen. Bei Kaliber 9mm geht mit jedem Schuss ein hohes Risiko für in der Nähe befindliche Personen aus. Wir müssen diese Tatserie stoppen, bevor Schlimmeres passiert!

Unser Appell ist: Seien Sie aufmerksam! Melden Sie sich bei uns, wenn Sie Verdächtiges wahrnehmen! Insbesondere an die Fahrer von Autotransportern gerichtet: Kontrollieren Sie Ihre Ladung in jeder Fahrtpause!

Wenn Sie Verdächtiges wahrnehmen, informieren Sie umgehend die nächstgelegene Polizeidienststelle! Sie können anrufen oder eine E-Mail schreiben.

Helfen Sie mit den oder die Täter zu finden und dingfest zu machen!
Unterstützen Sie uns – es geht um die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer auf unseren Autobahnen!

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